Leben in der Gaußschen Normalverteilung IV
Von Gonmag, January 14th, 2010… ein freund hat neulich erzählt, daß er es immer wieder spannend fände, wie sehr das leben von formalien bestimmt sei, besonders aber, wie unterscheidungslos auf ein stück papier geachtet werde, was dieses oder jenes bescheinige. sinnvoll sei dieses bei medizinern oder hausdurchsuchungen, wenn aber ein dezimalbruch entscheide, ob man geeignet sei, wäre das doch fragwürdig.
auf meinen fragenden blick antwortete er, daß formale qualifikationen wie das abitur weder etwas über die individuellen qualifikationen noch über die persönlichen fähigkeiten aussage. es würden einfach alle über einen kamm geschert.
“das ist übrigens ein schönes bild”, begann er, das vom schafe scheren abgeleitet sei. die physiognomie von schafen sei relativ homogen, wie die des manschen auch, aber die oft gepriesenen inneren werte erfasse ein nc nicht einmal im ansatz.
“sondern?”, fragte ich kurz.
“wenn beispielsweise ein schüler viele nachmittage damit verbringt, seine mitschüler vor verzweiflung, drogen und selbstmord zu bewahren, ist diese für das gesellschaftliche wohlergehen immens wichtige handlung seine privatsache. da ‘für andere menschen da sein’ nicht mit kapitalistischen kategorien operationalisiert werden könne, es also nicht möglich sei, den ‘wert’ der handlung zu bestimmen, habe sie außer geflissentlichem kopfnicken auch nicht mehr zu erwarten.
hätte der schüler diese zeit selbst genutzt, um den lehrstoff auswendig zu lernen, hätte ihm die pure reproduktion angelesenen wissens eine bessere note beschert.
ich wartete auf die unweigerlich folgende plumpe kapmfparole – und sie kam.
“die kapitalistische verwertbarkeit eines menschen ist wichtiger als gesellschaftlich-soziale leistungen an mitmenschen”, sagte mein freund. ich mag ihn trotzdem.
“besser noch haben es die hessischen bishöfe auf den punkt gebracht“, sagte mein freund. eine familie sei genau dann der ‘einzige Ort’ zur bildung des ‘Humanvermögens der nächsten Generation’, ‘wo Kinder Mutter und Vater haben’.
es geht also nicht darum, ob kinder geliebt, behütet, gefördert, vernachlässigt, geschlagen oder mißbraucht werden, nein einzig und allein die formale qualifikation eines gemischtgeschlechtlichen haushaltes bürgt gottgegeben für glückliche kinder.
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Teil 3: Leben in der Gaußschen Normalverteilung III
Teil 2: Leben in der Gaußschen Normalverteilung II
Teil 1: Leben in der Gaußschen Normalverteilung
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